Montag, 6. MĂ€rz 2017

Ein Vorgeschmack auf 'Der Inbegriff von Biederkeit' 💙




„Pferdedreck, das darf nicht wahr sein!“
Drystanes Laune hatte den Tiefpunkt erreicht, noch bevor er aus der Kutsche stieg. Ein Blick aus dem Fenster des Wagens genĂŒgte ihm, um zu wissen, dass er zu spĂ€t war, obwohl er den Fahrer zu einem halsbrecherischen Tempo angehalten hatte.
Giancovelli war vor ihm angekommen – Wie hat der Mistkerl das geschafft? – und wĂŒrde ihm den Zutritt zum Tatort verweigern. Und auf die Weise dafĂŒr sorgen, dass Drystane eine grandiose Geschichte durch die Lappen ging.
Jeden anderen Polizisten hĂ€tte er ĂŒberreden oder ĂŒberlisten können, aber nicht Giancovelli. Der wĂŒrde ihm die Tour vermasseln.
„Was ist denn, Mr Marshall?“, fragte sein Pressezeichner und hob den Vorhang an, um mĂŒde hinauszuspĂ€hen. Sein fehlender Enthusiasmus wĂ€re durch die frĂŒhe Morgenstunde zu entschuldigen gewesen, wenn er kein Teil seines Charakters wĂ€re. „Oh“, nickte Neb, als er den Grund fĂŒr Drystanes Missgestimmtheit entdeckte. „Das ist nicht gut.“
„In der Tat. Nichts ist jemals gut, wenn ich diesen Narren ansehen muss.“ ZĂ€hneknirschend musterte er Giancovelli, wie er in Gesellschaft seines rotbraunen Jagdhundes abseits der anderen Beamten vor dem Haus am Ende der Straße stand. Übelgelaunt gaffte er zur Kutsche herĂŒber. Als ihre Blicke sich trafen, legten sich ihrer beider Stirnen in Falten, und Drystane ließ den Vorhang mit einem Knurren an seinen Platz zurĂŒckfallen. „Lass uns gehen. Drystane Marshall gibt nicht kampflos auf.“
Neb seufzte und stieg vor ihm aus dem GefĂ€hrt. Widerwillig und dennoch entschlossen folgte Drystane ihm und griff sich mit der Rechten an den Kragen seines Mantels, um ihn zuzuhalten, damit die beißende KĂ€lte nicht unter seine Kleider kriechen konnte. Sein Gebaren hielt sie allerdings nicht davon ab.
Zumindest hatte es inzwischen aufgehört zu schneien. Die ganze Nacht lang waren dicke Flocken aus den Wolken gefallen. Er hatte vom Fenster seines BĂŒros aus beobachtet, wie sie sich auf der Erde niedergelassen hatten, um die Straßen Ascots mit Matsch zu bedecken und ihn zu Ă€rgern. Mit jedem Schritt in Richtung Giancovelli schmatzte es unter den Sohlen seiner sĂŒndhaft teuren Boniver Fred’s. Er hasste dieses unelegante GerĂ€usch, vor allem, wenn es ihn irgendwohin verfolgte!
„Einen wunderschönen guten Morgen, Giancovelli“, sĂ€uselte er mit einem aufgesetzten LĂ€cheln, um dessen Falschheit sein GegenĂŒber sehr wohl wusste.
Detective Sergeant Giancovelli ließ sich zu keinem noch so winzigen Nicken herab. Stattdessen stand er regungslos vor ihm und betrachtete ihn aus seinen kĂŒhl wirkenden Augen, die von unbeschreiblicher Farbe waren. Blau? GrĂŒn? Eine Mischung davon? Wen interessierte das? Sein dunkelblondes Haar, welches ihm bis ĂŒber die Schultern reichte, war feucht. Vermutlich geschmolzener Schnee.
Drystane knirschte aufgrund der Unhöflichkeit mit den ZĂ€hnen und ignorierte das Brummen des Hundes. „Ich will einen Blick ins Haus werfen. Die Ascot Daily Mail will ĂŒber den Vorfall berichten. WĂ€re es möglich, dass...?“
Seine Bitte wurde mit einem KopfschĂŒtteln abgeschmettert, noch ehe man ihm die Möglichkeit gegeben hatte, sie gĂ€nzlich vorzubringen.
„Ihr werdet mich abermals warten lassen, bis die restlichen Reporter eingetroffen sind? Muss ich mich in Geduld ĂŒben, bis Chef de police Howard die Gnade zeigt, den Journalisten ein paar Brocken Informationen hinzuwerfen?“
Giancovelli schĂŒttelte erneut das Haupt und schluckte auf jene bemĂŒhte Weise, auf die er es meist tat. Er strich sich mit dem HandrĂŒcken eilig ĂŒber die Lippen.
„Was dann?“, forderte Drystane zu wissen und klammerte sich mit halb erfrorenen Fingern an den Riemen seiner ledernen UmhĂ€ngetasche.
Mit unwirschen Handbewegungen deutete Giancovelli ein paar Gesten in GebÀrdensprache.
„Was will er uns sagen?“, fragte Neb.
Drystane nahm keine Notiz von ihm. „Ich soll nach Hause fahren?“, wiederholte er den stummen Befehl und Zorn verbrannte ihm die Eingeweide.
Giancovelli, dieser unertrÀgliche Arsch, nickte und schluckte abermals auf diese sonderbar enervierende Art.
„Aus welchem Grund?“, presste Drystane zwischen den ZĂ€hnen hervor.
Das schlichte Handzeichen, das ihm zur Antwort gegeben wurde, stand fĂŒr Anweisung. Drystane hatte sie alle auswendig gelernt, um mit dem Mistkerl streiten zu können, auch ohne dass dieser ein Wort sagen musste.
„Anweisung von wem? Seid Ihr sicher, dass Ihr mich nicht schlichtweg wieder in der AusĂŒbung meiner Arbeit behindern wollt?“
Statt einer Erwiderung musterte Giancovelli ihn flĂŒchtig von oben bis unten. Dabei verdĂŒsterte sich seine Miene und er zog ein kariertes Taschentuch hervor, um sich unwillig ĂŒber den Mund zu wischen.
Nun geht das wieder los! Was auch immer es war, es nervte Drystane gewaltig. Ebenso wie der abschĂ€tzige Blick, mit dem Giancovelli ihm zeigte, wie wenig er von ihm hielt. „Verdammtes Arschloch“, murrte er und wandte sich ab, um ihn in dem Glauben zu lassen, er trĂ€te gelĂ€utert den RĂŒckzug an. „Der Blödmann soll endlich zur Hölle fahren, damit ich hier meine Ruhe habe.“
„Ihr habt mich also umsonst aus dem Bett holen lassen“, murmelte Neb.
„Es ist noch nicht vorbei“, erwiderte Drystane und wirbelte herum, um Richtung Haus zu laufen. Sogleich ertönte warnendes Gebell und der Matsch machte ihn langsam, doch er musste es versuchen! Die BemĂŒhungen seines Spions, der ihm den Tipp gegeben hatte, noch ehe die Detectives sich am Tatort eingefunden hatten, sollten nicht umsonst gewesen sein. Er musste einen Blick auf Eileen Forsythes Leiche werfen, um sich ein Bild vom Tathergang machen zu können! Alles andere wĂ€re reine Spekulation und seine Berichterstattung konnte nicht von einer solchen abhĂ€ngen!
Er war nicht weit gekommen, da wurde er von hinten gepackt.
KrÀftige Finger schlangen sich um seinen Oberarm. Giancovelli schubste ihn in Richtung Kutsche und schnitt eine bitterböse Grimasse, die ihm Angst einjagen sollte, ihn aber lediglich zornig machte.
„Nur eine Minute, verdammt! Gebt mir nur eine Minute!“, brĂŒllte Drystane und machte die restlichen Beamten auf sich aufmerksam, die sich köstlich ĂŒber ihn amĂŒsierten – diese vermaledeiten MistsĂ€cke!
Giancovelli versetzte ihm einen weiteren Stoß, der ihn ins Wanken brachte. Er verlor auf dem rutschigen Untergrund den Halt und landete so heftig mit dem Hintern auf dem Pflasterstein, dass ihm die ZĂ€hne klapperten. Ein Schauder der KĂ€lte durchfuhr seinen Körper, gleich darauf ging er vor Wut in Flammen auf. „Was bildet Ihr Euch ein, auf diese Weise mit mir umzugehen, Ihr verfluchter Arsch?!“
Neb eilte an seine Seite, um ihm aufzuhelfen, doch Drystane schlug dessen Hand fort und kam aus eigener Kraft in die Höhe.
„Was fĂ€llt Euch ein?!“, zeterte er, wĂ€hrend er den schmutzigen Schnee von seinem Mantel klopfte. „Sollte der Stoff ruiniert sein, werdet Ihr höchstpersönlich fĂŒr den Ersatz aufkommen, das verspreche ich Euch!“
Giancovelli verzog keine Miene und wandte sich ab. Sein Hund folgte ihm so abrupt, als wÀre er am Bein seines Herrn festgemacht.
„Habt Ihr mich gehört, Giancovelli?!“
Der Mann hob die rechte Faust und zeigte ihm den Mittelfinger, ohne sich zu ihm umzudrehen.
„Euch ist schon klar, was diese Geste bedeutet, oder? Verfluchter Narr! Ihr droht mir mit Penetration!“, donnerte Drystane. „Na, dann kommt doch, und fickt mich, Giancovelli! Kommt und fickt mich!“
Die Polizisten vor dem Haus brachen in schallendes GelÀchter aus, wÀhrend Giancovelli keine Reaktion zeigte.
Drystane gab einen Laut des bitteren Trotzes von sich und machte auf dem Absatz kehrt, um in die Kutsche zu steigen. Dabei rutschte er ein weiteres Mal aus und landete auf dem Steißbein, was fĂŒr noch mehr Erheiterung sorgte.
Neb zog ihn hoch und half ihm in ihr GefĂ€hrt, in welchem Drystane sich mit einer Aneinanderreihung von FlĂŒchen und Schimpfworten abreagierte. „Ich hasse den Kerl! Ich hasse ihn! Oh, ich verfluche ihn!“

*

Das Holz knarzte unter seinen Sohlen, als er sich in das schlicht eingerichtete Schlafzimmer begab, welches Marshall unbedingt hatte besichtigen wollen.
Gero blieb auf einen Handwink hin vor der TĂŒr sitzen und begann verhalten zu hecheln. Es behagte ihm nicht, von seiner Seite zu weichen. Donatien strich ihm zur Beschwichtigung ĂŒber den Kopf.
Eileen Forsythe lag auf ihrem Himmelbett. Völlig entkleidet und ungewöhnlich blass. Der Einstich an ihrem Unterleib, der sie getötet hatte, war kaum zu erkennen. Man hatte ihr die Kleider ausgezogen, als jegliches Leben bereits aus ihr gewichen war, und sie gesÀubert, um sie lasziv auf den Laken zu drapieren. Ihr Nachbar hatte einen Streifenpolizisten verstÀndigt, da er SchleifgerÀusche aus ihrem Haus gehört hatte.
„Seid Ihr den Schreiber losgeworden?“, fragte Howard, der ĂŒber die Leiche gebeugt an deren Haar zu riechen schien.
Sie hatten die Kutsche von weitem kommen sehen und gewusst, dass es nur Marshall sein konnte, der zu so frĂŒher Stunde seiner Arbeit nachging. Irgendeiner seiner kleinen Spitzel war immer wach und so war er stets ĂŒber jegliches Geschehen in der Stadt informiert.
Zur Antwort nickte Donatien, doch sein Vorgesetzter wandte sich nicht um, sodass er zu einem leisen Mhm gezwungen war. Aufgrund der ungewohnten Belastung schmerzten seine StimmbÀnder und er rÀusperte sich, um das Kratzen im Hals zu lindern.
„Gute Arbeit. Dieses Pack wird immer unertrĂ€glicher, vor allem Marshall. Ich sollte bald etwas dagegen unternehmen“, murmelte Howard. „Sie haben ihr alles vom Leib gestreift, was sie anhatte.“ Er deutete auf den Waschtisch, auf dem HaarbĂ€nder und KĂ€mme lagen. „Auch den Schmuck haben sie ihr abgenommen. Bis auf dieses StĂŒck hier.“
Donatien folgte Howards Zeigefinger, dessen Spitze auf einen einzelnen Ring zeigte. Dann wanderte sein Blick zu dem Kleid hinĂŒber, welches an einer Stelle von Blut besudelt war. Es war jene Stelle, an der sich die Klinge einen Weg in Eileen Forsythes Fleisch gebahnt hatte.
„Alles ist sauber, was bedeutet, dass sie das arme MĂ€dchen nicht hier, sondern irgendwo ausserhalb des Hauses umgebracht haben. Aber der TĂ€ter wusste, wo sie wohnte, und hat sie hergebracht.“
Donatien klatschte in die HĂ€nde und Howard wandte sich ihm zu, um seine GebĂ€rden zu verfolgen: Vielleicht hat er sie auf dem Balkon oder im Garten ĂŒberrascht.
Der Chef de police schĂŒttelte den Kopf. „Auf dem Balkon habe ich mich umgesehen. Er ist von einer Schneeschicht bedeckt. Die einzigen Spuren dort draußen sind VogelfĂŒĂŸchen auf dem GelĂ€nder. Gershwin und Turnbull sehen sich gerade im Garten um. Ich hoffe, sie finden etwas.“
Donatien nickte schwach und tat einen Schritt Richtung Bett, um der Toten den Ring vom Finger zu ziehen. Er las die Gravur und gab einen Laut von sich, der den Inspektor an seine Seite beschwörte. Von draußen hörten sie zwei oder mehrere heranfahrende Kutschen.
„Was habt Ihr gefunden?“, fragte Howard und nahm das SchmuckstĂŒck an sich, um es eingehender zu betrachten. Auch er widmete sich der Inschrift: In Liebe, Iljanko. „Ein Ring von Peshnic ist das Einzige, das der Mörder ihr am Leib gelassen hat. Was will er uns damit sagen? War er eifersĂŒchtig? Vielleicht war es auch eine ehemalige Geliebte Peshnics, die sich mit der Trennung nicht abfinden konnte und sich durch die Zeitungsartikel provoziert fĂŒhlte, in der Peshnic und Forsythe als perfektes Paar dargestellt wurden.“
Wieder antwortete Donatien mit einem Nicken.
„Was ist hier vorgefallen, zum Teufel?“, knurrte Howard und fasste in die Brusttasche seines Hemdes, doch ĂŒberlegte es sich in letzter Sekunde anders und ließ das Zigarettenetui wo es war. Vermutlich wollte er den Tatort nicht mit Asche verfĂ€lschen, die irgendein armer Trottel als Beweismittel eintĂŒtete.
Mike Ruffalo gesellte sich zu ihnen. Sein Eintreten wurde von Geros Fiepen begleitet. „Myrtle kommt jeden Moment, um die Leiche in Augenschein zu nehmen“, verkĂŒndete der groß gewachsene Mann und sah sich forschend um. „Mr Goodfellow ist zurĂŒck.“ Die Treppe knarzte unter dessen leichtfĂŒĂŸigen Schritten.
„Mit Peshnic?“, fragte Howard hoffnungsvoll.
Goodfellow, der blutjunge DeputĂ© Howards, erschien unter dem TĂŒrsturz und erwiderte grimmig: „Mit schlechten Nachrichten.“
„Raus damit“, forderte Howard und griff erneut an seine Brusttasche, nur um die Finger abermals sinken zu lassen.
„Peshnic war tief getroffen von den Neuigkeiten, die ich ihm ĂŒberbrachte, aber er lehnte es ab, mich zu begleiten. Er sagt, er möchte seine Geliebte in Erinnerung behalten, wie sie im Leben war, und nicht im Tode.“
Howard brummte missmutig und gab den Kampf gegen seine Sucht auf. Er zog ein PĂ€ckchen Golden Petiol hervor und steckte sich eine an. Mit der Zigarette zwischen den Lippen fragte er: „War herauszufinden, ob er ein Alibi fĂŒr letzte Nacht hat?“
„In der Tat, Sir. Er verfĂŒgt ĂŒber eines, das mir wasserdicht erscheint“, nickte Dean Goodfellow und verschrĂ€nkte die HĂ€nde hinter dem RĂŒcken, um eine vorbildliche Haltung anzunehmen. „Er behauptet, auf einer Versammlung von Politikern gewesen zu sein, die lĂ€nger dauerte, als erwartet. Anschließend war er mit zwei MĂ€nnern auf einen Drink. Alle genannten Zeugen bestĂ€tigen unabhĂ€ngig voneinander seine Geschichte.“
„Ab wann war er nicht mehr in Gesellschaft?“
„Laut Aussage des Barmannes haben die Herrschaften den Club gegen vier Uhr morgens verlassen.“
„Das ist kaum eine halbe Stunde her“, stellte Howard fest und strich sich mit dem Daumennagel ĂŒber die Lippen, wĂ€hrend er die Leiche anstarrte. Der GlimmstĂ€ngel in seiner Rechten setzte Rauchzeichen ab, als wolle er um Hilfe rufen.
Mike Ruffalo mischte sich ein: „Ich bin kein Arzt, wie meine Gattin, aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass Miss Forsythe schon lĂ€nger tot ist. Ich vermute, sie starb weit vor Mitternacht. Aber lassen wir Myrtle ihre Arbeit tun. Gewiss kann sie uns mehr dazu sagen.“
Howard nahm einen Zug und seufzte unterdrĂŒckt. „Meine Herren, ich muss daran erinnern, dass wir uns augenblicklich in Personalnot befinden. Sollte Eure Frau keinen Hinweis auf den oder die TĂ€ter finden, Ruffalo, tappen wir im Dunkeln.“ Er rieb sich die Stirn.
„Unser Opfer hatte einen Bruder. Peshnic fragte, ob der schon davon wisse“, meinte Goodfellow. „Ich verneinte und fragte ihn nach dem Namen. Er muss bei der Eheschließung den seiner Gemahlin angenommen haben, denn er heißt jetzt Degwich. Peshnic nannte mir seine Adresse, doch ich wollte alles weitere mit Euch abklĂ€ren, ehe ich handle.“
„Gut gemacht, Dean. Nehmt Euch einen Constable und fahrt zu Degwich“, wies Howard an. „Doch befragt ihn nicht, sondern bringt ihn aufs Revier. Ich möchte selbst mit ihm sprechen, wenn ich schon Peshnic nicht haben kann.“
„Jawohl, Inspektor.“ Goodfellow verbeugte sich und eilte nach draußen.
Alle blickten ihm nach, bis Howard das Wort ergriff: „Und wir warten unten auf den Doktor.“
Donatien trat als Letzter aus dem Raum und Gero gesellte sich an seine Seite, um so dicht bei Fuß zu gehen, dass Donatien die Schulter des Hundes am Bein spĂŒrte.

*

In eine Decke gehĂŒllt saß Drystane vor dem Kamin in seinem BĂŒro und versuchte, die KĂ€lte aus seinem Inneren zu vertreiben. Er fröstelte und seine Finger, die er um eine Tasse mit schwarzem Tee geschlungen hielt, schmerzten. Sein Mantel hing an einem KleiderbĂŒgel nahe dem Feuer und wĂŒrde sich mit dem unangenehmen Rauchgeruch vollsaugen.
„Das ist alles Giancovellis Schuld“, beschwerte er sich bei Neb, der irgendwo hinter ihm an einer Zeichnung arbeitete. „Der Mistkerl wird mich noch um all meine BesitztĂŒmer bringen. Und um den Verstand. Nicht zu vergessen um meine Anstellung. Ach was, das Arschloch wird mich ins Grab bringen!“
„Ihr reagiert ĂŒber, Mr Marshall“, kam mit einem unterdrĂŒckten Seufzen zurĂŒck, welches Drystane daran erinnerte, dass er anderen Menschen schnell anstrengend wurde. Offenbar war es nun auch bei Neb soweit, obgleich der Mann erst seit wenigen Wochen in seinen Diensten stand.
„Ich reagiere ĂŒber? Du hast gesehen, wie er mit mir umgeht! Sehe ich wie jemand aus, mit dem man auf diese barsche Weise umspringen kann?!“
„NatĂŒrlich nicht, Sir. Giancovelli weiß es eben nicht besser. Weshalb hĂ€ngt Ihr Euch derart an seinem Verhalten auf? Lasst es gut sein. Ihr mĂŒsst mit dem Kerl nichts zu schaffen haben, wenn Ihr ihn nicht ausstehen könnt.“
„Nichts zu schaffen haben?“, wiederholte Drystane. „Ich will ja gar nichts mit ihm zu schaffen haben, aber er sabotiert meine Arbeit!“
„Es gibt tausend andere Dinge, ĂŒber die Ihr schreiben könnt. Die Leute lieben Eure Artikel um Eurer bissigen Wortwahl willen. Da ist es ganz gleich, worum es in den Berichten geht.“
Drystane rieb sich mit kalten Fingerspitzen die SchlĂ€fe, hinter der eine Ader kraftvoll pochte. „Ich möchte ĂŒber Ereignisse berichten, die von Bedeutung sind. Forsythe war die Geliebte eines wichtigen und ebenso zwielichtigen Politikers. Jetzt ist sie tot. Was wĂŒrde ich nicht alles dafĂŒr geben, ihre Leiche zu sehen, um meine EindrĂŒcke zusammenfassen zu können.“
Der unleidige Giancovelli machte seine BemĂŒhungen immer öfter zunichte. Die Lage zwischen ihnen war seit jeher prekĂ€r, doch schien sich zuzuspitzen. Oder tat sie das nur in seinem Kopf? War es bloß wegen dieser Sache, die ihm nicht aus dem SchĂ€del wollte?
„Neb, lass mich allein“, murmelte er.
Der Zeichner gehorchte offenbar nur allzu gerne und suchte das Weite.
Drystane erhob sich mitsamt seinem Überwurf und der Tasse, um die Jalousien seiner verglasten Wand in den Gang hinaus herunterzuziehen und die TĂŒr abzuschließen. Dann nahm er erneut vor dem Kamin Platz und sah in die lodernden Flammen. Ein ungeheuerlicher Verdacht ließ ihn nicht los.
Es war noch keine drei Wochen her, seit man ihn zuletzt entfĂŒhrt hatte. Man hĂ€tte ihn umgebracht, aber dazu war es nicht gekommen. Sein Leben war gerettet worden und Giancovelli war daran maßgeblich beteiligt gewesen. Und das war genau jener Teil, der ihn um den Schlaf brachte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Giancovelli aus GutmĂŒtigkeit gehandelt hatte. Da musste etwas dahinterstecken!
Die MĂ€nner, die fĂŒr Drystanes EntfĂŒhrung verantwortlich gewesen waren, waren inzwischen entweder in die ewigen JagdgrĂŒnde vorausgegangen – darunter auch der ehemalige Polizeichef und MenschenhĂ€ndler Hathaway – oder befanden sich in Verwahrung. So glaubte und hoffte er. Was aber, wenn das nicht stimmte? Was, wenn Giancovelli zu ihnen gehörte? Wenn er ein Verbrecher war und man Drystane nur verschont hatte, um ihm zu gestatten, Teil eines grĂ¶ĂŸeren Ganzen zu werden – und ihn spĂ€ter zu töten?
Als er jene Bedenken seinen Freunden Franco und Corvin gegenĂŒber erwĂ€hnt hatte, hatten diese bloß gemeint, dass er sich in Wahnvorstellungen verstrickte. Daraufhin hatte er versucht, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Doch er konnte es nicht. Es ließ ihm keine ruhige Minute, nicht zu wissen, weshalb Giancovelli ihn nicht hatte sterben lassen, sondern alles in seiner Macht stehende getan hatte, um sein Ableben zu verhindern.
Er brauchte Gewissheit und die wĂŒrde er nur bekommen, wenn er sich an Giancovellis Fersen heftete und sich selbst davon ĂŒberzeugte, dass der Mann kein Krimineller war, der ihm im richtigen Moment an den Kragen wollte.
Oder eben doch.

Kommentare:

  1. Liebe Tharah
    Geschafft jetzt bin ich mega neugierig und freu mich auf die ganze Geschichte.

    GLG Vera ��

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. *hehe* Dass du neugierig bist, höre ich gerne! :D

      Löschen
  2. Liebe Tharah,
    Ein gelungener Auftakt und ich warte wie immer schon ganz *hibbelig*
    GLG. Traude

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Sehr schön, sehr schön *gg* Lange musst du ja nicht mehr warten, bis du den ganzen Roman lesen kannst :)

      Löschen
  3. Liebe Tharah, deine Geschichte muss ich unbedingt lesen, ich möchte wissen wie es weiter geht und und......

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. *lach* Ist der Kommentar auch eine Leseprobe und der Rest kommt nach deinem Lesen der gesamten LektĂŒre? :D

      Löschen
  4. Hallo

    das sind doch mal gute Neuigkeiten :-)
    Wieder eine wunderbare Umschreibung:
    "Der GlimmstÀngel in seiner Rechten setzte Rauchzeichen ab, als wolle er um Hilfe rufen."

    Ist schon absehbar wann dein neues Werk erscheinen wird?

    LG Sonja K.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Sonja!

      *haha* Vielen Dank fĂŒr das Kompliment *freu*

      Jaaa, planmĂ€ĂŸig wird es ab 16. MĂ€rz erhĂ€ltlich sein!

      Liebe GrĂŒĂŸe!
      Tharah

      Löschen